Kurz nach den Herbstferien
ist es soweit: in meinem Briefkasten liegt eine Einladung zum ersten
Kommunionselternabend. Das Wort „ersten“ verdrängend, melde ich mich
Mittwochabend bei Fynn ab: „Tschüss Süßer, ich bin mal eben beim Elternabend,
hole mir ein paar Termine ab, erfahre, in welche Gruppe du kommst und bin dann
ruckzuck wieder da. Bis gleich.“
Um eine Minute nach acht
stehe ein wenig hilflos im Flur des Pfarrheims. Eine Frau kommt mir aus einem
der vielen angrenzenden Räume entgegen. „Möchten sie zum Elternabend? Dann den
Flur ganz durch, die letzte Tür.“ Ich lausche dem Gesang, der hinter dieser Tür
erklingt und kläre die freundlich lächelnde Dame darüber auf, dass ich nicht
zum Chortreffen, sondern zum Elternabend möchte. „Ja, ja, das ist da schon
richtig. Immer dem Gesang nach.“ Irritiert betrete ich den Raum, in dem die
Eltern von Fynns Schulkameraden mit Liedzettel bewaffnet im Kreis sitzen und
ein fröhliches Liedchen schmettern. Ich geselle mich dazu und zücke zum
Lied-Ende meinen Kalender. Dann mal los mit den Terminen, umso schneller sind
wir hier wieder raus. Die Pastoralreferentin blickt sinnierend zur Decke und
schweigt. Bestimmt ist ihr einer der zu verkündenden Termine entfallen. Jetzt
holt sie Luft, und ich blicke sie erwartungsfreudig an:
„Liebe…..Glaube…..Hoffnung….das. sind. die. drei. Dinge. die. uns. mit. Gott. verbinden.
und. uns. auf. unserem. Lebensweg. begleiten…“ Ich starre sie fassungslos an.
Wat is denn jetzt mit den Terminen??? „Wir. brechen. auf. in. Eine. neue.
Welt.“ fährt sie mit beseeltem Gesichtsausdruck fort. „Auch. unsere. Kinder.
machen. sich. nun. auf. diesen. Weg. und. es. ist. an. uns. sie. zu.
begleiten.“ Mit verklärtem Blick baut sie nun in der Mitte des Stuhlkreises
eine Kerze auf und legt eine Bibel daneben. Zum Thema „Liebe, Glaube, Hoffnung“
hat sie da mal was vorbereitet, und dekoriert ein weißes Kreuz, einen grünen
Anker und ein rotes Herz um die Kerze herum. Sie scheint zu ihrem Stuhl zurück
zu schweben, lässt sich langsam auf ihm nieder, schaut bedeutungsschwanger in
die Runde, schweigt und atmet dann wieder tief ein. „Woran. glauben. sie? Was.
lieben. sie? Was. hoffen. sie?“ Das, was ich in diesem Moment hoffe, ist sicher
nicht das, was Frau Pastoralreferentin gerade hören möchte. „Ich möchte, dass
sie jetzt folgendes tun: auf diesen Blättern steht der Name ihres Kindes…“ Mir
bricht der kalte Schweiß aus. Ich wäge schnell ab, dass ich noch Diejenige
wäre, die es am besten träfe, wenn wir nun den Namen unseres Kindes tanzen
müssten. „Ich möchte, dass sie nun in Ruhe nachdenken und für ihr Kind
aufschreiben, was sie lieben, was sie glauben und was sie hoffen.“ Puh, noch
mal davon gekommen, ich muss nur schreiben, das kann ich.
Nun sitzen alle mit
Blättern auf dem Schoß im Kreis, runzeln nachdenklich die Stirn, kauen auf den
Stiften oder strecken die Zunge angestrengt während des Schreibens raus. Ich
frage mich, was passieren würde, wenn ich mein Blatt mit einem Arm abschirmen
und meiner Sitznachbarin sagen würde, dass sie nicht abgucken darf. Grinsend
fülle ich den Fragebogen zu Ende aus und überlege, ob ich Frau
Pastoralreferentin eine Freude machen und noch ein paar glückliche
Gänseblümchen drauf malen soll. „Sooooo, nun guckt mal jeder auf sein Blatt und
sieht nach, in welcher Farbe der Name des Kindes geschrieben ist.“ mimt Frau
Pastoralreferentin den Erklärbären. Als sich rot, blau, orange und grün in die
jeweiligen Ecken des Raumes verteilt haben, stehen jetzt endlich die
Kommuniongruppen fest. „Ich möchte sie jetzt bitten, sich innerhalb dieser
kleinen Gruppen intensiv darüber auszutauschen, was sie lieben, glauben und
hoffen.“
Da sitzen wir nun mit fünf spirituell völlig erschöpften Müttern in
einem kleinen, gemütlichen Kreis und beginnen über die noch anstehenden Termine
zu reden. Als das Stichwort „Glühweintrinken in der Vorweihnachtszeit“ fällt,
sind wir alle wieder mit Feuereifer dabei. Fünf Minuten später naht Frau
Pastoralreferentin: „Ich sehe schon, sie tauschen sich hier ganz angeregt über
das Thema aus. Jetzt bitte langsam zum Ende kommen. Wir setzen uns wieder in
den großen Stuhlkreis.“ Ich gucke rüber zu einer Mutter von Fynns
Klassenkameradin, die den Blick gerade senkt und verdächtig bebt. Ich wende
meinen Blick schnell ab, damit ich nicht auch losgeiern muss.
Im großen
Stuhlkreis angekommen, werden wir darüber informiert, dass für die Kinder bis
zur Kommunion „Gottesdienstpflicht“ besteht. Um den Zwang spielerisch zu
überdecken, gibt es pro Gottesdienstbesuch einen kleinen, farbigen
Kirchen-Baustein, der von den Kindern in die Kommunionsmappe geklebt werden
kann. Als Frau Pastoralreferentin uns darüber informiert, dass entweder der
Samstagsgottesdienst um 17 Uhr oder der am Sonntag um 8 Uhr (!!!) besucht
werden kann, frage ich in die Runde, ob man die kleinen Steinchen auch auf dem
Schwarzmarkt kaufen kann. Eine andere Mutter hilft: „Ja, die gibt´s bei ebay.“
Zum ersten Mal steigt die Laune an diesem Abend. So schnell, wie sie gekommen
ist, ist sie aber auch wieder dahin, weil wir einen rügenden Blick von Fräulein
Rottenmeier ernten. Während wir den Aufbau der Kommunionmappe erklärt bekommen,
denke ich angestrengt darüber nach, was schlimmer ist: samstags die
Bundesliga-Schlusskonferenz auf WDR2 verpassen oder sonntags mitten in der
Nacht aufstehen. Meine existenziellen Überlegungen werden jäh unterbrochen.
„Nun. wollen. wir. beten. wie. der. Herr. es. uns. gelehrt. hat.“ Die Frau
lässt aber auch gar nix aus. Als wir zusammen im Kreis stehen, warte ich
darauf, dass wir uns an den Händen fassen und uns unsere gegenseitige Liebe
bekunden müssen, aber sie hat Erbarmen mit uns. „Zum Abschluss wollen wir uns
alle noch mal setzen und das neu erlernte Lied über Liebe, Glaube und Hoffnung
singen.“ verkündet sie nun freudestrahlend. Mist, und ich dachte, ich wäre
durch meine Verspätung um die Nummer rum gekommen. „Jaaa, das war der erste von
vier Elternabenden.“ werden wir nach dem Lied verabschiedet. Jetzt wird mir mit
erschreckender Klarheit bewusst, dass ich aus dieser Nummer noch lange nicht raus
bin. Beim nächsten Mal geht´s um das Thema „Beichte“. Vielleicht modellieren
wir dann das Fegefeuer aus Kartoffelsalat.
Liebe,-Glaube,-Hoffnung
einsam
Die Tage gehen irgendwie vorbei. Doch wenn es Abend wird,
schleicht die Einsamkeit sich heran. Im Hintergrund läuft der Fernseher, damit
es nicht völlig still in der Wohnung ist. Ich laufe von einem Zimmer ins andere
und schalte überall Licht an, damit es so wirkt, als wäre noch jemand zu Hause.
Aber da bin nur ich. Ich und die Dunkelheit in mir. Es gibt keinen Schalter,
den ich anknipsen kann, damit es in mir drin heller wird. Es fühlt sich an, als
würde ein Sog mein Herz in die Tiefe meines Körpers ziehen. Es fühlt sich
schwer an, so als würde ein dicker Stein auf ihm liegen und mir die Luft zum
Atmen nehmen.
Im Fernseher flimmert jetzt unsere Lieblingsserie über den
Bildschirm. Gemütliche Kuschelabende bei einem Glas Wein auf der Couch, mein
Kopf auf deiner Brust, dein ruhiger Herzschlag in meinem Ohr. Jetzt hocke ich
allein auf dem riesigen Sofa und hab mich fest in meine Decke gewickelt.
Draußen sind 25 Grad, doch ich friere innerlich. Irgendwann ist es Zeit ins
Bett zu gehen. Ich bin so wahnsinnig müde. Doch ich weiß, wenn mein Kopf das
Kissen berührt, werde ich wieder stundenlang wach liegen. Mich abends ganz nah
an dich zu kuscheln und morgens nach dem Aufwachen unter deine Decke zu
kriechen und deinen warmen, weichen Körper zu spüren, das fehlt mir am
allermeisten. In solchen Momenten fühlt
es sich an, als wäre ich nur „halb“. Ich wache oft morgens auf und denke, dass
vielleicht alles nur ein böser Traum war. Aber du liegst nicht neben mir.
Mein Verstand weiß, dass es keine Alternative gab, aber mein
Herz ist so wahnsinnig traurig und einsam, weil es einfach nicht verstehen
will, wieso es nicht funktioniert hat. Es ist wütend, verzweifelt und machtlos
zugleich. Die Welle dieser unendlichen Traurigkeit schwappt über es hinweg und
begräbt es einfach. Es kann sich nicht wehren, weil es zu schwach ist und
treibt hilflos in einem Meer aus Tränen vor sich hin.
allein
Das erste Mal im Leben auf mich allein gestellt. Gezwungenermaßen? Frei gewählt? Die Konsequenz bleibt dieselbe. Gefürchtet, gescheut, umgangen – bis es keine Wahl mehr gab. Wie ein Erwachen aus einem langen Dornröschenschlaf. Ein langsames Öffnen der Augen, ein Blinzeln. Das Licht blendet. Angst vor dem, was zu sehen sein wird. Unsicherheit, Hilflosigkeit, aber auch Neugier auf das, was da kommen mag. Erste wacklige Schritte auf unebenem Boden. Ein Taumeln, der Versuch das Gleichgewicht zu halten, ein Stolpern, der Fall und das anschließende mühsame Aufrappeln um weiter zu gehen. Alleine aber nicht einsam. Kann das funktionieren? Ruhe breitet sich in der Seele aus. Zurück geworfen auf sich selbst. Ein in sich Reinhorchen. Tut es weh? Macht es Angst? Ist es schlimm? Eine wohltuende Ruhe an manchen Tagen. An anderen herrscht unbarmherzige Stille. Kein Schlüssel in der Haustür, kein „Hallo, ich bin zu Hause!“, kein ruhiger, vertrauter Atem kurz bevor man einschläft. Farblose Tage, dunkle Nächte.
Aber auch neu gewonnene Unabhängigkeit, Selbstbestimmung und Eigenverantwortung. Das Kümmern um die eigenen Bedürfnisse. Ich als neuer Mittelpunkt. Arbeiten an sich selbst, wachsen und das Gefühl von Stolz – zum ersten Mal im Leben. Alles sonnig, unbeschwert und federleicht. Glück, das geteilt werden möchte – mit der anderen Hälfte der eigenen Seele. Doch da ist keine andere Hälfte mehr. Nur noch ein halbes Ich – auf dem Weg, ein alleiniges Ganzes zu werden. Ohne Nähe, blinde Vertrautheit und die Gewissheit, dass nichts passieren kann. Ein Seiltanz ohne Netz und doppelten Boden, ein riskanter Aufstieg ohne Sicherheitsleine. Ein Fall ohne aufgefangen zu werden. Angst vor dem Aufprall, das Bewusstsein der alleinigen Verantwortung, eine Herausforderung, die Stärke verleiht und die Gewissheit, dass es zu schaffen ist. Wehmut über Vergangenes, Zweifel über die eigene Unzulänglichkeit und ehrlicher Neid auf das Glück anderer sind notwendige Begleiter auf diesem neuen Weg. Der Weg ist oft steinig und schwer zu gehen, der Wunsch umzukehren allgegenwärtig. Dann geht es leicht bergab, es herrscht angenehmer Rückenwind. Ein Gefühl des Getragenwerdens ohne Blick zurück. Zwischenzeitliche Unsicherheit, ob die Richtung noch stimmt, die Suche nach der richtigen Abzweigung – und immer wieder die Gewissheit, dass es voran geht und das Ziel näher kommt.
Das kleine Mädchen auf dem Koffer wird erwachsen. Es sitzt nicht mehr ängstlich und hilflos da und wartet. Es steht auf, nimmt den Koffer in die Hand und betritt den Weg, den nur sie allein und kein anderer für sie gehen kann.
Mein-Großer
Es ist Montagnachmittag, kurz nach vier. Der Schlüssel geht in der Tür, Fynn kommt von der Schule und knallt seinen Tornister im Flur in die Ecke. „Hallo Mamaaa. Hausaufgaben hab ich in der Betreuung fertig gemacht, ich hab ´ne zwei in Mathe geschrieben, ich fahr zu Norman, wir wollen Fußball spielen.“ Im Vorbeigehen bekomme ich einen Kuss, und schon ist der junge Mann wieder draußen, holt sein Fahrrad aus dem Schuppen, winkt mir kurz zu und düst los. Lächelnd stehe ich am Küchenfenster, winke ihm hinterher und denke zwei Jahre zurück.
Da stand er an seinem ersten Schultag völlig verschüchtert mit Zahnlücke und riesiger Piraten-Schultüte auf dem Schulhof, kannte (weil wir gerade erst her gezogen waren) kein einziges Kind und wirkte zwischen seinen zukünftigen lärmenden und lachenden Schulkameraden total verloren. Wie viele Gedanken hatte ich mir vorher gemacht, ob er auch Anschluss finden und sich gut einleben würde.
Diese Sorgen konnte ich nach den ersten Schultagen getrost vergessen, denn wie schon so oft in neuen, unbekannten Situationen fand mein Kind sich superschnell zurecht und fühlte sich sofort pudelwohl.
Als ich ihn nach ein paar Tagen fragte, wo in der Klasse er eigentlich sitzen würde, erzählte er ganz naiv: „Ja also zuerst saß ich ganz hinten, aber dann hat Frau Tigelmann gesagt, ich soll mal lieber in die erste Reihe kommen. Und jetzt sitze ich direkt vor´m Pult. „ Der erste Pluspunkt für Fynns Lehrerin, die meinen unkonzentrierten, kleinen Hibbel sehr schnell durchschaut hatte.
An einem Tag kam mein Sohn ganz empört von der Schule nach Hause. „Mamaaa, den Mittelfinger darf man ja nicht zeigen. Und letztens hab ich irgendwie nur ganz komisch den Zeigefinger hoch gehoben, da hat Frau Tigelmann gedacht, ich hätte den Mittelfinger gezeigt, und dann musste ich auf dem Flur stehen.“
Die ersten Kontakte zu Mädchen ließen nicht lange auf sich warten. Als ich Fynn an einem Tag abholte, erzählte er mir, dass er in der Pause einem Mädchen namens Nicole einen Handkuss zugeworfen hätte. Auf meine Frage hin, ob sich Nicole über den Handkuss gefreut hätte, antwortete mein Sohn ganz ungerührt: „Nee, die hat zu mir gesagt, wenn ich das noch mal mache, haut sie mir eine rein.“
Aber an manchen Tagen konnte Fynn auch Erfolge verzeichnen. Nach dem Schulschwimmfest kam er stolz nach Hause und erzählte, dass er ein Wettrennen gewonnen hätte. Ich: „Echt??? Super!!! Wie hieß der Junge denn, gegen den du gewonnen hast?“ Fynn: „Das war kein Junge, das war ein Mädchen.“
Die Antwort auf die Frage, wie es Fynn in der Schule gefallen würde, fiel anfangs immer gleich aus: „Also die Schule ist echt doof, aber die Betreuung find ich gut.“ Trotzdem stellte sich schnell heraus, dass er dank der sehr gegensätzlichen Gene seiner Eltern in Mathe UND Deutsch total fit war. Nur Englisch, das im Gegensatz zu früher bereits im ersten Halbjahr des ersten Schuljahres begann, konnte den jungen Mann nicht wirklich begeistern. Kein Wunder, denn es wurde in den ersten Monaten nur gesungen, gemalt und geklatscht, was er irgendwie uncool fand. Nachdem er einige Wochen Englisch gehabt hatte, sagte er mit ernster Mine zu mir: „Mamaa, ich hab letztens bei TKKG gehört, dass ein Junge Englisch abgewählt hat. Der brauchte das dann nicht mehr zu machen. Ab wann kann ich Englisch abwählen?“
Die Energie, die Fynn in den Englisch-Stunden sparte, setzte er dann konsequent in den Pausen um. Nach zwei Jahren Schule können wir auf ein Loch im Kopf, zwei gleichzeitig gebrochene Unterarme und einen offen gebrochenen Arm mit anschließendem Einsetzen von zwei Titannägeln in Elle und Speiche zurückblicken.Sollte es mit der Schule langfristig nicht so gut klappen, kann der junge Mann eine Ausbildung zum Stuntman machen.
Sobald das Wetter aber schlecht wird und drinnen spielen angesagt ist, zeigt Mister Tollpatsch eine ganz andere Seite: mit einer Engelsgeduld sitzt er dann auf dem Bauteppich, baut mit ruhiger Hand die kompliziertesten Holzklotzkonstruktionen oder kreiert völlig vertieft phantasievoll ausgetüftelte Lego-Werke. Wenn Fynns Lieblingsbetreuerin Katrin immer wieder von seinem Einfallsreichtum und seinem Geschick schwärmt, dann sehe ich meinen Sohn in seinem späteren Leben vielmehr als Innenarchitekt oder Brückenbauer.
Aber die sprachliche Berufsschiene lässt sich auch nicht ausschließen. Sobald dieses Kind morgens die Augen öffnet, fängt es ohne Punkt und Komma an zu quasseln (jetzt weiß ich endlich, was meine Mutter früher mit mir immer erleiden musste). Ich sehe ihn schon als leidenschaftlichen Sportkommentator, der während eines 90minütigen Fußballspiels nicht mehr als dreimal Luft holen muss und die restliche Zeit ununterbrochen redet.
Fynns Kindergärtnerin Annegret kam schon früh zu dem Schluss, dass er mal Bundeskanzler werden würde, weil er einem so perfekt einen Knopf an die Backe labern kann.
Als wir letztens mit dem Fahrrad von der Post zur Apotheke fuhren, sagte der kleine Klugscheißer: „Mamaa, ich find die Fahrradständer hier vor der Apotheke WESENTLICH besser, als die vor der Post, weil die hier einfach stabiler sind.“
Aber nicht nur Schlaumeierwörter, sondern auch eigene Wortkreationen machen Fynn einen Heidenspaß. Als er letztens eine Diskussion darüber mit anhörte, was der Unterschied zwischen tolerant und liberal sei, kommentierte er das Gehörte ganz diplomatisch: „Also ich würde sagen, ich bin toleral.“
Zwischendurch ist Monsieur dann aber auch unfreiwillig lustig. Beim letzten Schul-Karnevalszug zeigte er auf ein verkleidetes Kind und sagte: „Guck mal, der geht als Freizeit-Statue.“
Aber diese verbalen Klopper werden leider immer weniger, denn Fynn wird jetzt langsam COOOOL!!! Mit lässiger „mein-Pony-hängt-mir-über-den-Augen“-Frisur stiefelt er durch´s Leben, sammelt Match-Ataxx-Fussballkarten und dreht in seinem Zimmer am liebsten volle Pulle die Musik auf (zurzeit meistens „Eiskalt“ von Culcha Candela).
Letztens hockten Fynn und seinen bester Freund Justin in seinem Zimmer auf dem Boden und zeigten sich gegenseitig ihre neusten Fussballkarten. Im Vorbeigehen sah ich, wie Fynn auf eine von Justins Karten guckte und über die aufgedrehte Musik hinweg total beeindruckt: „Ej Altaaaa!“ schrie, woraufhin Justin auf eine von Fynns Karten guckte und lautstark mit „Ej Altaaaa!“ antwortete. Ich hab nur kopfschüttelnd die Zimmertür von außen zugemacht und das Weite gesucht.
Während ich noch am Küchenfenster stehe, lächle ich bei den Gedanken an meinen herzlichen, offenen, freundlichen, hibbeligen, humorvollen, quasseligen, ehrlichen und absolut liebenswerten Sohn vor mich hin und freue mich auf all das, was uns beim Abenteuer „Großwerden“ noch so erwartet.
Büro,-Büro
In meinem mittlerweile 17 Jahre andauernden Berufsleben sind mir bei sage und schreibe acht Arbeitgebern die verschiedensten Persönlichkeiten begegnet. Doch egal, wie sehr sich Kollegen, Vorgesetzte, Kunden oder Lieferanten charakterlich voneinander unterscheiden – durch ihre Arbeitsweise kann man sie sehr bald einzelnen Kategorien zuordnen, die nicht immer für einen harmonischen und reibungslosen Arbeitsablauf sorgen.
Die Ausschweifende
Das Telefon klingelt, die Buchhaltung ist dran. „Jaaa, hallooo Miriam. Also ich hab hier eine Rechnung von einem Lieferanten bekommen, der hat hier auf der Rechnung die Rechnungsadresse nicht richtig geschrieben. Also auf der Rechnung ist die Adresse nicht richtig. Und die Adresse muss ja richtig sein. Also da müsste der Lieferant die Adresse ja korrigieren. Also ich würde dann mal sagen, dass ich jetzt mal bei dem Lieferanten anrufe, und dann sage ich dem, dass der die Adresse auf der Rechnung noch mal richtig schreiben muss. Das mach ich am besten. Weil die Adresse auf der Rechnung ja nicht stimmt. Und dann kann ich den ja am besten anrufen, damit der das ändert. Ja, so mache ich das.“ Bei den ersten Anrufen hab ich immer total fassungs- und verständnislos in den Hörer gestarrt, hab wie gelähmt „Ja, mach das mal." gesagt. und ganz vorsichtig wieder aufgelegt. Wenn ich heute die Nummer der Buchhaltung auf dem Display sehe, nehme ich den Hörer ab, stelle den Lautsprecher an und arbeite weiter, während sich unsere Buchhaltungsdame die spannenden Geschichten von falschen Rechnungsadressen selbst erzählt, so kriege ich in der Zeit wenigstens was geschafft.
Der Doppelmoppler
Das Telefon klingelt. „Hallo Miriam, ich schicke dir gerade ein Fax/eine Email. Musst du dir dann gleich direkt mal durchlesen. Darin steht, dass sich der Termin der nächsten ISO-Sitzung um eine Woche verschiebt. Die Uhrzeit bleibt aber. Bei den Tagesordnungspunkten ist noch einer dazu gekommen, und wir treffen uns wie immer im Konferenzraum in der ersten Etage. Aber lies dir das am besten gleich direkt mal durch.“ Gnaaaaaaaaaaaaaaaaaa!!!!
Der Multitasker
Ich rufe in der Hauptniederlassung an, weil ich ein Formular benötige, das mir nicht vorliegt. Von der Zentrale aus werde ich zu einem Kollegen durchgestellt, der wissen könnte, wo die betreffende Datei abgelegt ist. „Ja, hallooo, ich hab schon gehört, du brauchst die Datei mit dem Formular?“ „Ja genau. Man hat mir gesagt, du wüsstest, wo ich die finden kann.“ „Hmmm.“ „Oder soll ich eben jemand anderen fragen. Ist kein Problem.“ „Hmmm, warte mal, das muss doch zu finden sein.“ Ich höre es unmotiviert klicken. „Hmmmm,. Das haben wir gleich.“ „Also wenn du´s selber nicht weißt, dann frag ich mich mal weiter durch, damit brauchst du ja jetzt deine Zeit nicht zu verschwenden.“ (UND MEINE AUCH NICHT!!!) „Nee, warte mal, ich guck noch mal eben hier…Huch, was hab ich denn jetzt gemacht, jetzt hab ich alles weg geklickt…Aaaah, da ist es wieder.“ Der Kollege summt gemütlich vor sich hin und ich knalle mit meinem Kopf entnervt auf die Tischplatte. „Du, ich brauch das eigentlich ziemlich dringend, ich kann ja auch mal die Frau….“ „Ah, warte, hier ist es….ach nee, doch nicht, das sah nur so ähnlich aus…“ Fünf weitere Minuten vergehen. „Nee du, da kann ich dir jetzt auch nicht helfen. Da musst du doch noch mal woanders anrufen.“ Vielen Dank für´s Gespräch.
Der Chaot
Kommt ins Büro gerauscht und verbreitet direkt Hektik. „Miriam, hast du meine Pläne von der Baustelle gesehen? Ich brauch die ganz dringend? Hast du die?“ „Wieso sollte ich die haben?“ „Ich hab sie dir gestern doch gegeben.“ „Ja? Kann ich mich nicht dran erinnern.“ Aber auch ich kann ja mal was vergessen und durchsuche brav meinen recht übersichtlichen Schreibtisch. Zehn Minuten später eine Stimme aus dem Nebenbüro: „Ach, schon guuut, die Pläne lagen bei mir auf dem Schreibtisch.“ Zwei Tage später dasselbe Spiel: „Wo hab ich denn die Bautageberichte hingetan? Miriam, kannst du mal gucken, ob die bei dir liegen?“ „Äh, guck doch erstmal in deinem großen Berg auf deinem Schreibtisch, vielleicht liegen sie ja da.“ „Nee, auf KEINEN Fall, die müssen bei dir sein.“ Unmotiviert schiebe ich ein paar Blätter auf meinem Schreibtisch hin und her, damit es so aussieht, als würde ich suchen. Ein paar Minuten später kommt erneut die Entwarnung: „Ach Mensch, hier sind sie doch. Wie sind die denn hier in meine Schublade gerutscht?“ Beim dritten Mal in derselben Woche ist mit der sonst so netten Miri nicht mehr zu spaßen. „Miriam, der Lieferschein von der letzten Maschineninstandsetzung ist verschwunden. Ist der vielleicht bei dir?“ „Nee.“ Ich arbeite ungerührt weiter. „Aber bei mir ist der nicht, kannst du nicht mal auf deinem Schreibtisch gucken?“ „Brauch ich nicht.“ „Wieso nicht?“ „Weil auf MEINEM Schreibtisch Ordnung herrscht, da weiß ich, was wo ist.“ Stille. Zehn Minuten wildes Geraschel. „Hoach, ich hatte ihn auf dem Kopierer liegen lassen.“ Keine weiteren Fragen mehr.
Der Witzige
Ruft mich von unserer Hauptniederlassung aus an, was ich auf dem Display sehen kann. Ich melde mich mit meinem Nachnamen. „Wer ist da bitte?“ (schelmischer Unterton) „Wentz.“ „Ja, aber das können sie doch so nicht sagen.“ (Kichern in der Leitung) „Häh?“ „Ja sie müssen sich doch mit dem kompletten Firmennamen melden, damit man auch weiß, wo genau man anruft.“ (ein Glucksen) „Wieso dat denn? Sie arbeiten doch bei derselben Firma. Oder vergessen sie das zwischendurch?“ Aufgesetztes Gelächter am anderen Ende der Leitung. Bei diesem Mal war mir das ganze noch nicht unheimlich. Bis dieser Dialog bei jedem erneuten Telefonat wieder und wieder stattfand, ohne dass das ganze für meinen Gegenüber jemals weniger lustig wurde. Es hatte ein bisschen was von „Und täglich grüßt das Murmeltier.“ Irgendwann hatte ich den Papp so auf, dass ich, nachdem ich mich kurz und knapp mit „Wentz“ gemeldet und dem Beginn des sich immer wiederholenden "Witzes" gelauscht hatte, ein barsches „Wat wollen se?“ in die Leitung brüllte. Seitdem ruft der Kollege nur noch selten an.
Der Ignorant
Wer mich auf der Arbeit kennt, weiß, wie pedantisch und überordentlich ich bin, was meine Unterlagen, meine Aufgabenliste und die Ordnung auf meinem Schreibtisch angeht (komisch, ganz anders als im normalen Leben). Es gibt aber immer noch Leute, die diese Tatsache konsequent ignorieren und entweder während meiner Abwesenheit meine Schreibtischunterlage mit Notizen bekrakeln oder mit Kaffeeflecken versauen oder wahlweise die Unterlagen, die von mir bearbeitet werden sollen ohne erklärende Vermerke oder Kommentare MITTEN auf meinen Schreibtisch schmeißen. Wenn ich dann morgens ins Büro komme, sollte sich die betreffende Person lieber schon mal warm anziehen. Sollte der Übeltäter gerade nicht in der Nähe sein, nehme ich die lieblos hingeschmissenen Unterlagen gerne schon mal und feuere sie von fünf Meter Abstand unbearbeitet zurück auf den Schreibtisch des Papier-Wüstlings. Bei den ganz Schmerzfreien hilft es nix, die anderen benutzen mittlerweile brav das extra dafür vorgesehene Ablagekörbchen, auf dem groß mein Name steht.
Wie lobe ich mir da meinen ebenso pedantischen, übergenauen Kollegen, der mir alles exakt im rechten Winkel und kurz und knapp, aber genau beschrieben hinlegt, so dass ich die gewünschte Sache innerhalb von drei Minuten erledigen kann. Oder meine Kollegin aus der Personalabteilung, die mich total nett und freundlich anruft, ihr Anliegen aber mit Subjekt, Prädikat, Objekt pragmatisch auf den Punkt bringt und im Gegenzug ebenso schnell kapiert, wenn ich etwas von ihr möchte. Herrlich!!! Oder unser Lieferant für´s technische Equipment, der sich nie aufdrängt, weil er irgendwas verkaufen will, sondern einfach ganz subtil einmal im Monat eine Karte mit einem wunderschönen selbst geschossenen Foto und einem passenden Motivationsspruch schickt, so dass ich ihn und seine Firma immer im Hinterkopf habe.
Aber was wären wir ohne all die Kuli-Klauer („Kann ich den mal eben kurz haben, kriegst du sofort zurück.), die verstaubten Vorgesetzten, die sich in Zeiten von Email und Internet immer noch von ihren Sekretärinnen mit ihren Gesprächspartnern telefonisch verbinden lassen (ist das vielleicht dasselbe, wie Männer, die ein dickes Auto fahren…..) oder die Kollegen, die immer das letzte Papier im Fax oder Kopierer benutzen und die letzte Tasse Kaffee aus der Thermoskanne trinken, ohne für Nachschub zu sorgen.
Letztendlich hab ich es in den letzten drei Jahren super angetroffen. Ich arbeite als einzige Frau mit zehn Männern zusammen. Manchmal komme ich mir zwar vor, als wäre ich am wenigsten Mädchen von allen, aber der größte Teil der Zeit ist bestimmt von klaren Ansagen, Männerwitzen und unverstelltem Miteinander – und es gibt (ganz ohne Witz und Ironie) nichts Entspannenderes!
Meine-Nachbarin-das-wundersame-Wesen
Nachdem ich vor drei Jahren in einen 5.000-Seelen-Ort zog, war mir schon vorher klar, wie die gesellschaftlichen Strukturen an diesem idyllischen Fleckchen Erde beschaffen sein würden. Hier gibt es Pumpennachbarschaften, den Schützenverein, die Pfadfinder, den Turnverein, den Reitverein und viele andere schöne Gruppen, denen man sich anschließen und sich in ihnen verwirklichen kann.
Eine gesellschaftlich etablierte und anerkannte Frau ist Mitglied bei der Gitarrengruppe, gehört den Landfrauen an und singt im Kirchenchor. Zusätzlich hilft sie – natürlich ehrenamtlich – bei Veranstaltungen wie Turnfesten, Schulfeiern oder Sportturnieren, indem sie vorher Wagenladungen Kuchen und Plätzchen backt und diese glücklich strahlend für einen guten Zweck verkauft, während sie mit anderen Frauen emsig Rezepte austauscht.
Auch meine Nachbarin, mit deren Familie wir seit drei Jahren ein Zweifamilienhaus teilen, gehört zu dieser Kategorie Frau. Seit zehn Jahren glücklich verheiratet (sie glücklich, er verheiratet), finanziell gut gestellt und zwei Töchter mit nett-langweiligen Vornamen aus den Kindernamen-Top-Ten der Jahre 2004 und 2006.
Ein Blick aus dem Badezimmerfenster offenbart die typisch beneidenswerte Rama-Familienidylle im riesigen, traumhaft schönen Garten. Die Kinder planschen im Pool oder hüpfen auf dem Trampolin, während Papa den beiden ein selbst entworfenes Abenteuerbaumhaus zusammenzimmert und Mama schon mal die Salate für den gleich beginnenden Grillabend auf den liebevoll gedeckten Tisch auf der Terrasse stellt. Bis dahin alles schön und gut und nicht anders, als bei 98% aller Familien im Ort.
Aaaaber: meine Nachbarin ist anders, als all die anderen Vorzeige-Frauen, die mir bisher in diesem Ort begegnet sind. Sie sitzt NIE, sie ist NIE entspannt und sie kommt einfach NIE zur Ruhe. Dank des sehr hellhörigen Hauses ist man permanent unfreiwilliger Zeuge ihres Hamsterrad-Alltags: sie kocht, sie backt, sie putzt, sie schimpft mit ihren Kindern, sie mäht den Rasen, sie versorgt ihr Pferd, sie zupft Unkraut, sie staucht ihren Mann zusammen, sie streicht, sie bastelt, sie chauffiert die Töchter zu Turn-, Englisch- oder Klavierunterricht, sie pflanzt Blumen, sie tapeziert, sie kauft ein, sie bereitet opulente Geburtstagsfeiern vor und redet dabei meistens ununterbrochen. All ihre Strecken zwischen A, B und C legt sie im hektischen Laufschritt zurück, in der Wohnung vorzugsweise mit Schuhen mit Absatz.
In den letzten Tagen bin ich zu dem Schluss gekommen, dass sie nicht schläft. Vor einigen Nächten bin ich aus dem Schlaf hoch geschreckt und hab mich gefragt, was in dieser sonst so ruhigen Nacht lautstark in unserer Einfahrt plätschert. Ein Blick aus dem Fenster genügte: meine Nachbarin goss die Blumen – es war zwei Uhr. Vor einiger Zeit traf ich sie tagsüber in der Einfahrt, und sie erzählte mir, dass sie bis nachts um drei geputzt und für den Geburtstag ihrer Tochter Muffins gebacken hätte. Mittlerweile würde es mich nicht wundern, wenn sie demnächst mitten in der Nacht das Garagentor streicht.
Sie hat keine Freundinnen, geht nie zum shoppen, zum Friseur oder mal mit ihrem Mann ins Kino. Sie ist den ganzen Tag mit ihren Kindern zusammen, nimmt sich nie eine Auszeit, ist nie locker und entspannt, hat nie an irgendwas Spaß und funktioniert 24 Stunden am Tag.
Kennt Ihr den Film „Die Frauen von Stepford“, in dem sich all die perfekt funktionierenden Frauen irgendwann als Maschinen entpuppen, die brav ihr Programm abspulen? Also das würde bei meiner Nachbarin so einiges erklären. Vielleicht muss sie nachts nur ein bis zwei Stunden an irgendeiner Ladestation andocken, um dann die restlichen 22 Stunden auf voller Power laufen zu können.
Wenn ich mit zwei vollen Aldi-Tüten bepackt aus dem Auto steige und Richtung Haustür laufe, sagt sie immer: „Na, einkaufen gewesen?“ Nee, ich hab gerade ´ne Bank überfallen und hab die Geldscheine in den Tüten obendrauf mit Spinat und Schoko-Pudding getarnt. Wenn wir uns über den Weg laufen, und es regnet, sagt sie: „Mensch nee, so ein Regen, was?“ Vielleicht sind die Kommunikations-Programme in diesen Maschinen einfach noch nicht so ausgereift, dass eine intelligente Unterhaltung möglich ist. Oder bei der guten Frau müsste einfach mal wieder ein Sprach-Update eingespielt werden.
Als ich sie das letzte Mal gesehen hab, hab ich beobachtet, ob sie vielleicht irgendwelche Duracell-Hasen-Bewegungen macht, aber die Bewegungsabläufe der Maschinen scheinen sich von den menschlichen nicht großartig zu unterscheiden.
Ihre Art zu Reden erinnert an eine Maschinengewehr-Salve. Sie sagt viel, gleichzeitig nichts und holt nicht einmal Luft dabei (klar, muss man als Maschine ja auch nicht). Ihr Ton klingt ständig genervt und angespannt, nicht nur, während sie ihren Mann bevormundet oder ihre Kinder rumkommandiert. Das unterscheidet sie von den Stepford-Frauen, die stets grenzdebil lächelnd sanft vor sich hinsäuselten. Aber vielleicht hat der Hersteller die Modelle ja auch in dieser Hinsicht weiterentwickelt, so dass es mittlerweile unterschiedliche Programmtypen mit verschiedenen Charakteren gibt: die Säuselnde, die Gestresste, die Schüchterne u.s.w. Aber wer bestellt sich „die Gestresste“? Vielleicht hat ihr Mann sie im Internet bestellt und sich bei den verschiedenen Modellen irgendwie verklickt? Oder er hat sie von jemandem geschenkt bekommen, der noch eine Rechnung mit ihm offen hatte?
Aber der gute Mann weiß sich zu helfen. Immer, wenn mal wieder pausenloses Gemecker und Genörgel auf ihn niederprasselt, geht er im Garten Holz hacken. Auch jetzt im Sommer ist der Vorrat an gehacktem Kaminholz enorm hoch…
Da fragt man sich ja, warum der Gatte nicht einfach mal die Stromzufuhr unterbricht oder den „Reset“-Knopf drückt, aber ich vermute, dass solche grundlegenden Veränderungen am Modell nur vom Hersteller vorgenommen werden dürfen, weil sonst die Garantieleistungen nicht mehr greifen.
Also, liebe Single-Jungs in meinem Mikrokosmos-Verteiler: wenn Ihr gerne Holz hackt und noch nicht wisst, was Ihr Euch zu Weihnachten wünschen sollt: ich gucke gerne mal nach, ob meine Nachbarin irgendwo ein Etikett hängen hat, auf dem die Hersteller-Adresse zu sehen ist – vielleicht gibt´s die neusten Modelle ja auch ohne Sprach-Chip und mit individuell einstellbarer Zeitschaltuhr.
Sex-in-Oberhausen-City
Trotz
schlechter Kritiken und vernichtender Kommentare ließen wir es uns als wahre
Fans nicht nehmen, ihn zu genießen: der Sex war wieder in der Stadt – zum
zweiten Mal!
Wir, das ist ein bunt zusammen gewürfelter Haufen Weiber in allen möglichen
Frauen-Beziehungskonstellationen: Freundinnen, Bekannte, Arbeitskolleginnen,
Nachbarinnen u.s.w. Neun völlig unterschiedliche Persönlichkeiten mit ein und
demselben Ziel: das Kino im Centro in Oberhausen.
Der wahre Film beginnt schon, als wir noch nach und nach vor dem Kino
eintrudeln. Als meine Freundinnen Mona, Betty und Angela untergehakt und
umwerfend gestylt die Kinotreppe hochkommen, die Sonne sie von hinten in
weiches Licht taucht und ein leichter Wind durch ihre Haare weht, denke ich: „WOW!!!
Carrie, Miranda, Charlette, Samantha – gegen meine drei Mädels seid ihr nur ein
Schneckenschiss!!! Was ist schon Abu Dhabi gegen den Kinovorplatz im Centro???“
Während wir noch auf die Letzte in der Runde warten (statistisch gesehen
verfährt sich ja jede 9. Frau auf dem Weg ins Kino, nicht wahr, Anja???), geht
der Vor-Film erst richtig los. Wir sind natürlich nicht die einzige
Mädels-Truppe, die heute ins Kino geht, aber, wie wir fassungslos feststellen
müssen, total underdressed. Wir bestaunen Wasserstoff-Blondinen mit
Strass-Krönchen, 42-er Frauen in bonbonfarbenen, fast platzenden 38-er
Schlauchkleidern, grelle Miniröcke zu grobmaschigen Netzstrumpfhosen,
hochhackige „sie-gehören-zwar-mir-aber-ich-kann-nicht-auf-ihnen-laufen“-Schuhe
und zahllose Ballermann-Billig-Imitate namenhafter Handtaschendesigner.
Schmierig grinsend hält Angela ihre Prada-Tasche hoch: „DIE ist echt!!!“ Ein
sechsfach ehrfürchtig gehauchtes „Ooooh“ ertönt. „Hast du die auch gemietet???“
schallt es aus der Runde. „Nee, die hab ich gebraucht gekauft!“ Jetzt hört man
ein sechsfaches, beeindrucktes „Aaaah“. Mona und ich kratzen uns verständnislos
am Kopf. „Also ich müsste so ´ne Prada-Tasche jetzt nicht haben.“ „Nee, ich
auch nicht.“ „Dat schöne Geld.“ Das könnte man doch viel besser in
Bundesliga-Karten, Eishockeytickets oder diverse Kästen Bier investieren.
Haaach Mona, wir zwei sind und bleiben die Quoten-„Kerle“ unter den Mädels.
Schöön!
Durch unsere lautstarke Stylinganalyse aller Vorbeiflanierenden scheinen sich
die auf den nebenstehenden Bänken verweilenden Passanten bestens unterhalten zu
fühlen. Jetzt gibt Angela die Story ihrer beiden 7- und 9-jährigen Kinder zum
Besten, die derzeit gerade ständig kichernd von ihrer Mama wissen wollen, was
eigentlich Sex ist. Während Angela die kindlichen Theorien zur schönsten
Nebensache der Welt präsentiert und wir uns vor Lachen kaum noch halten können,
kommt der große Auftritt von Andrea. Sie reckt den Hals Richtung Bank, zeigt
mit dem Finger auf die dort sitzenden, gebannt lauschenden Herrschaften und
ruft: „Heh, sie da! Ja, SIE!!! So geht das aber nicht! Wir gehen hier gleich
ins Kino und müssen 10 Euro Eintritt für den Film zahlen, und sie haben hier
draußen die ganze Unterhaltung umsonst! Ich komm gleich mittem Hut rum!“ Wir
kriegen uns nicht mehr ein. Gott sei Dank lachen unsere „Zuhörer“ auch mit.
Nun wird die glitzernde Kleidchen-Täschchen-Pumps-Atmosphäre erfrischend
aufgelockert. Ein Rockerpärchen schlurft Hand in Hand durch die
Parfum-Haarspray-Puderwolke. Die beiden tragen nicht nur Zottelfrisur und
Nasenpiercings im Einheitslook, auch bei den Hängebrüsten und der Bierwampe
könnten sie als Zwillinge durchgehen. Wieso gibt es eigentlich vor´m Kino keine
bequemen Sessel und Popcorn???
Aber nun müssen wir uns von dem munteren Treiben vor dem Kino losreißen, der
Film fängt in wenigen Minuten an. Eine nicht enden wollende Schlange
aufgebrezelter Frauen trippelt an dem Kartenabreißer vorbei, der bei jedem
„Rritsch“ mit piepsiger Stimme „einmal Kino 3, Sex in the city“ zu hören
bekommt. Der arme Mann ist ja schon total paralysiert. In meiner besten
Anke-Engelke-Ladykracher-Proll-Britta-Marnier sage ich: „Einmal Terminator,
Kino 5 bittääh!“ Der restliche Haufen hinter mir gibbelt. Der Abreißmensch
guckt auf meine Karte und sagt: „Ja, ja, ist doch auch für Sex in the city.“
Pf. Humor ist eben Glückssache.
Soviel lachen macht durstig. „Wat nehmen wir denn, Miri? So ´n Sektchen wäre ja
nicht schlecht, aber irgendwie hab ich auch Durst auf ´n Bier.“ Mona und ich
sind mal wieder hin- und hergerissen zwischen Kerl- und Schicksen-Dasein. Das
Problem ist schnell gelöst, jede nimmt einfach beides.
Der Anblick im ausverkauften Kino ist gigantisch. Weiber, soweit das Auge
reicht. Mit unserem Scanner-Blick begeben wir uns auf die Suche nach Männern.
Ein händchenhaltender Waschlappen in Reihe R, ein seine Freundin busselndes
Weich-Ei in Reihe F und noch so´n….ach nee. Nach längerer Betrachtung vermuten
wir kollektiv, dass der Kerl (seines Zeichens Ricky Martins kleiner Bruder) zu
keiner der neben ihm sitzenden Frauen gehört, sondern entweder stockschwul oder
einfach nur schlau und mutig ist, weil er sich gedacht hat: „So leicht lernst
du nie wieder ein ganzes Kino voll wild kreischender Weiber auf einmal kennen.“
Die beiden Eisverkäufer sehen heute aus wie die Chippendales, was in den Reihen
hinter uns für Aufregung und Heißhunger (auf Eis!!!) sorgt. Einer der beiden
Lagnese-Boys säuselt „Wer will noch Eis kaufen?“ Andrea holt tief Luft und ruft
durch´s ganze Kino „Wer will denn mein Eis kaufen?“ und hält ihre eben
ergatterte Packung Lagnese-Konfekt hoch. Der erste kollektive Kino-Lacher, ohne
dass der Film überhaupt angefangen hat. Mister Ed von Schleck ignoriert Andrea.
„Eis noch jemand?“ wiederholt er. Andrea lässt nicht locker. „Hiiier ich hab
auch Eis, meins ist viel günstiger.“ Ein Orkan aus Weiber-Gekicher schlägt dem
Eismann entgegen – geknickt verlässt er den Ort des Geschehens.
Als nach der Werbung der Film beginnt, lehnen wir Damen uns genüsslich zurück
und prosten uns erstmal ganz stilvoll mit unseren Plastik Sekt-Flöten zu.
„Stößchen!!!“ Der erste Lacher im Film lässt nicht lange auf sich warten. In
diesem Moment fahre ich vor Schreck einen halben Meter in die Höhe. Sabine, die
neben mir sitzt, hat das erste Mal laut gelacht. Sie hält sich die Hand vor den
Mund und sagt zerknirscht: „Tschuldigung. Im Kino will nie jemand neben mir
sitzen, weil ich immer so laut lache.“ Ich, meines Zeichens
Dreckige-Lache-Queen, grinse in mich rein und frage mich, ob Sabine und ich
nachher vielleicht nur noch alleine im Kino sitzen. Wie sich während des Films
zeigt, fallen wir zwei gar nicht großartig auf, denn um uns rum wird genauso
laut und hemmungslos gegeiert. Das ist das schöne an einem Kino voller Frauen:
hier ist keiner beherrscht oder cool, wir lassen es einfach raus.
Das bleibt auch nach dem Film in Überlänge unser roter Faden: die erste stürzt
aus dem Kino und saust Richtung Klo. Ich muss auch dringend, warte aber auf die
anderen sieben, um ihnen zu sagen, wo wir sind. Das hätte ich mir auch sparen
können. Wie am Hauptverkehrsknotenpunkt einer Autobahn flitzt auch der Rest der
Mädels an mir vorbei, um laut gackernd das „stille“ Örtchen aufzusuchen. Jaaa,
Männer, Ihr habt recht!!! Wenn neun Weiber gleichzeitig auf´s Klo müssen, dann
scheint wohl diese eine Eurer Theorien über Frauen richtig zu sein. Ich erwähne
jetzt nicht, dass auch der Rest des Kinos noch musste. Die Klofrau ist
anschließend wahrscheinlich erstmal in ihren wohlverdienten Ruhestand gegangen.
Wieder vor der Klotür angekommen, kommen wir trotz aller vorab gehörten und
gelesenen Kritiken zu einem einstimmigen Film-Fazit: „Sex and the city 2“
braucht sich hinter dem ersten Teil nicht zu verstecken. Die Damen sind
overdressed, die Schuhe zu hochhackig, die Locations zu perfekt, die
Schwulenhochzeit zu schwul, die Männer zu schön, die Menschen zu reich – aber
doch genau das wollten wir sehen, sonst hätten wir auch zu Hause auf der Couch
bleiben können. Und egal, wie übertrieben das ganze inszeniert war, jede Frau
im Kino hat sich irgendwann, irgendwo bei Themen wie
Hausfrau-und-Mutter-Stress, Mobbing am Arbeitsplatz, Sex mit dem Ex,
Wechseljahre, weibliche Konkurrentinnen mit Körbchengröße D, die erste
gemeinsame Wohnung, Eifersucht und Vertrauen wieder gefunden.
Und nicht zuletzt das immerwährende SATC-Thema wird von Samantha an einem
lustigen Mädelsabend in Abu Dhabi perfekt auf den Punkt gebracht. „Männer kommen,
Männer gehen, aber wir sind hier, und unsere Freundschaft bleibt.“
Danke für den schönen Abend, Mädels!
Tag-4-im-Krankenhaus
Als Fynn an diesem Morgen gerade mal fünf Minuten die Augen auf hat, hampelt er schon auf seinem Bett rum und informiert mich im Fünf-Minuten-Takt darüber, dass ihm langweilig ist. Der junge Mann scheint auf dem Weg der Besserung zu sein. Also starte ich nach dem Frühstück das Unterhaltungsprogramm: ich lese vor, stelle Fynn Quizfragen und verliere zweimal haushoch im Kindermonopoly. Die Schwester erlöst mich von der Schmach und schickt uns zum Verbandswechsel.
Heute ist Fynn wieder besser zu Fuß, so dass wir das Rolli-Wagenrennen auf dem Flur ausfallen lassen und in die Ambulanz laufen. Dort angekommen werden wir direkt in den Behandlungsraum geschickt. Nach der gestrigen netten Behandlung von Doktor Chylarecki ist Fynn guter Dinge und blödelt lustig vor sich hin. Plötzlich verstummt er und zieht die Stirn in Falten. Schwester Bettina hat den Raum betreten. „Soo, dann wollen wir mal Fynns Verband wechseln.“ Als sie auf ihn zugeht, weiten sich Fynns Augen vor Schrecken, und es kommt mir so vor, als würde die Melodie vom weißen Hai im Hintergrund ertönen. Ich spanne alle meine Muskeln an und mache mich für den Absprung bereit, um mich zwischen die böse Schwester und mein Kind zu werfen, als Doktor Chylarecki herein kommt. Schwester Bettina will gerade ihre unsensiblen Krallen nach Fynns Verband ausstrecken, als die Hintergrund-Melodie von „weißer Hai“ auf „Superman“ wechselt und Doktor Chylarecki entschieden dazwischen geht. „Nee, nee, nee, Schwester Bettina, lassen sie mich das machen. Der Fynn und ich haben eine besondere Methode entwickelt, um den Verband ganz schmerzfrei zu wechseln." Schwester Bettina runzelt unmutig die Stirn und sieht dem Doktor zu. Zwischendurch startet sie noch einen Versuch, sich in den Verbandswechsel einzumischen. „Lassen sie mal, Schwester Bettina, ich mach das schon. Gehen sie schon mal zum nächsten Patienten, wir kommen hier schon klar.“ Schwester Bettina dreht sich beleidigt auf dem Absatz um und rauscht raus, um sich ein neues Opfer zu suchen. Ob das jetzt blöd aussehen würde, wenn ich dem Chefarzt spontan um den Hals falle? Ich lass es lieber bleiben. Zum Abschied informiert uns Doktor Chylarecki darüber, das am nächsten Tag noch mal der Verband gewechselt werden würde und wir dann nach Hause könnten. Fynn strahlt über´s ganze Gesicht.
Auf dem Zimmer angekommen strotzt Fynn voller Tatendrang. „So, Mama, jetzt noch eine Runde Kindermonopoly.“ Als ich gerade resigniert seufze, öffnet sich die Tür. Mein Lieblingsjunge ist da!!! Na das trifft sich ja gut. „Fynn, jetzt könnt ihr zwei ja ´ne Runde spielen, oder?“ „Nee, Mama, ich spiel lieber gegen dich, du verlierst wenigstens dauernd.“ Nee, is klar. Jetzt geht wieder die Tür auf: Opa Kalli kommt zu Besuch. Der kann gerade mal „Hallo“ sagen und die mitgebrachten Süßigkeiten auspacken, die direkt wieder im mittlerweile überquellenden Kleiderschrank verschwinden (vielleicht sollte ich einen Krankenhauskiosk aufmachen?), und schon sitzt er am Spielbrett und kriegt von Fynn die Monopoly-Regeln erklärt. Einer Viertelstunde später ruft Fynn empört: „Boah Mamaaa, der Opa hat gewonnen.“ „Tja, mein Schatz, der Opa hat 40 Jahre bei der Sparkasse gearbeitet, da hast du nicht die leiseste Chance.“ Opa verabschiedet sich grinsend und macht sich auf den Heimweg.
Jetzt kuscheln wir drei uns in Fynns Bett und spielen das Kinderquiz von Oma Geli. Fynn gegen meinen Lieblingsjungen – und ich bin der Quizmaster. Fynn hat sich die meisten Antworten vom Vortag gemerkt und beantwortet den Großteil seiner Fragen mit unbewegter Miene wie aus der Pistole geschossen richtig. Mein Lieblingsjunge kommt bei einigen (von mir extra ausgesuchten) schwierigen Fragen echt ins Schwitzen, so dass Fynn und ich kichern, was das Zeug hält.
Nachdem Fynn haushoch gewonnen hat, schalte ich ihm eine Sendung ein. „Kaffee?“ fragt mein Lieblingsjunge. „Oh ja, gute Idee!!! Fynn, kommst du hier klar? Wir gehen in die Cafeteria einen Kaffee trinken.“ Fynn ist schon in die Sendung abgetaucht und nickt abwesend.Die Cafeteria ist brechend voll, der Geräuschpegel ohrenbetäubend. „Komm Süße, wir holen uns einen Kaffee zum Mitnehmen und gehen ´ne Runde spazieren.“ Mit dampfendem Kaffee in der Hand marschieren wir bei strahlendem Sonnenschein Richtung ReWe und quatschen und blödeln, was das Zeug hält. Tut das gut, mal ein paar Minuten mit meinem Süßen allein zu sein und sich mal in Ruhe zu unterhalten. Bei ReWe ist Trödelmarkt, über den wir einmal drüber gehen und uns dann wieder auf den Rückweg zum Krankenhaus machen. Für heute verabschiedet sich mein Lieblingsjunge. „Tschüss Süße, ich freu mich, wenn ihr morgen endlich wieder zu Hause seid.“
Ich lasse Fynn noch ein bisschen Fernsehen, lege mich auf mein Bett und sehe aus dem Fenster. Wir haben ein Zimmer Richtung Park mit Ausblick auf einen wunderschönen Baum. Seine Blätter leuchten in den verschiedensten Gelbtönen und scheinen vor dem knallblauen Himmel bunt zu explodieren. Es fängt langsam an zu dämmern, gleich ist wieder ein Tag rum. Die Zeit im Krankenhaus plätschert einfach nur so vor sich hin. Es wird Morgen, Mittag, Abend, ohne dass man ein Gefühl für die Uhrzeit oder den Wochentag hat. Man fühlt sich wie unter einer gläsernen Glocke mit dickem Glas, in der sich alles wie in Zeitlupe bewegt. Man sitzt innen drin fest und kann nach draußen sehen, wo das Leben in Echtzeit einfach weiter läuft.
„Mamaaa.“ ich schrecke aus meinen Gedanken hoch. „Ja?“ „Die Sendung ist zu Ende, kannst du mir noch was vorlesen?“ „Na klar, mein Schatz.“
Als das Abendessen vorbei ist, sage ich zu Fynn: „So, noch einmal schlafen, dann geht´s nach Hause. Freust du dich schon?“ Als Antwort kommt ein leises Schnarchen aus dem Bett neben mir. Es ist halb sieben, und mein Sohn ist tief und fest eingeschlafen. Auch gut, so kann ich noch ein bisschen lesen bis der Tatort anfängt. Um viertel nach acht höre ich noch die Titelmelodie und kriege mit, dass jemand umgebracht wird, dann fallen mir die Augen zu.
Tag-3-im-Krankenhaus
Fynn und ich werden erst wach, als die Schwester um halb acht zum Wecken reinkommt. Wir waren nachts zweimal wach, weil Fynn Durst hatte, ansonsten haben wir endlich mal wieder ein paar Stunden am Stück geschlafen. Der Schlaf hat Fynn gut getan, er sieht schon wieder viel besser aus. Aufstehen, duschen, frühstücken – so langsam spielt sich der Krankenhausalltag ein. Aber auch dieser Vormittag vergeht nicht ohne Geheule. Ein Arzt, den ich bisher noch nie zu Gesicht bekommen habe, steht plötzlich vor Fynns Bett und strahlt ihn an: „Guten morgen, lieber Fynn, ich möchte dir gerne Blut abnehmen.“ „Oh neiiin!“ entfährt es Fynn. Er lässt sich in sein Kissen sinken. „Wir machen das auch kurz und schmerzlos.“ verspricht ihm der Arzt. Naja, schmerzlos klappt nicht wirklich, aber nach einer Minute ist es tatsächlich vorbei.
Bevor sich Fynn wieder halbwegs eingekriegt hat, werden wir wieder zum Verbandwechsel in die Unfallchirurgie zitiert. Während ich Fynn im Mini-Rolli Richtung Ambulanz schiebe, fragt er mich völlig verängstigt in einer Tour, ob das wieder so wehtun wird wie gestern. „Das kann ich dir nicht sagen.“ antworte ich ihm ehrlich. Als wir in die Ambulanz kommen, ist von Schwester Rabiata-Bettina Gott sei Dank weit und breit nichts zu sehen. Stattdessen öffnet sich die Tür des Behandlungsraumes, und ein nett lächelnder Arzt kommt herein. „Hallo zusammen. Mein Name ist Doktor Chylarecki, und ich werde den Fynn heute untersuchen.“ Auf seinem Namensschild erkenne ich, dass es sich um den Chefarzt himself handelt. Er setzt sich zu Fynn und plaudert erstmal eine Runde mit ihm, als hätte er alle Zeit der Welt. Fynn taut sofort auf und erzählt ihm, dass er Angst vorm Verbandwechsel hat, weil ihm das gestern so weh getan hätte. „Was genau hat dir denn weh getan, Fynn?“ „Als die Schwester die Pflaster abgerissen hat.“ „Abgerissen??? Nee, das machen wir heute nicht. Wir machen das ganz vorsichtig, ok?“ Als Doktor Chylarecki vorsichtig Fynns Verband, den Frotteeüberzug und die Schiene entfernt (im Übrigen, ohne dass Fynn auch nur einmal „aua“ sagt), erklärt er mir, dass es gerade bei Kindern wichtig sei, einen Verbandswechsel vorsichtig durchzuführen. Die Verletzung selber und eine Operation seien schon traumatisch genug für Kinder, so dass man es vermeiden müsse, ihnen hinterher noch mehr Angst und Stress zu bereiten. Ab jetzt bin ich ein Doktor Chylarecki-Fan. Als der Doktor sich Fynns Pflaster ansieht, verkrampft sich Fynn und fängt an, nervös mit den Beinen zu wippeln. „Sooo, bevor wir jetzt die Pflaster abmachen, machen wir erstmal Trick 17. Kennst du Trick 17, Fynn?“ Mein Sohn schüttelt misstrauisch den Kopf. Doktor Chylarecki nimmt eine Sprühflasche und befeuchtet die drei Pflaster. „Und bevor wir daran jetzt rumrupfen, lassen wir das ganze erstmal einweichen, und dann können wir die Pflaster gleich ganz einfach abziehen.“ Der Mann hat die Ruhe weg. Ich bin fasziniert. Nach fünf Minuten zieht der Doktor an der ersten Pflasterecke. Fynn hört vor Aufregung auf zu atmen. Nach und nach zieht der Chefarzt die Pflaster sanft von Fynns Arm. Fynn atmet laut aus und strahlt übers ganze Gesicht. Der Chefarzt strahlt mit. Nachdem er die Nähte kontrolliert hat, verpflastert er Fynn wieder. „Sooo, jetzt müssen wir den Froteestrumpf wieder überziehen. Dazu brauchen wir Hilfe.“ Nee, bloß nicht Schwester Bettina! „Doktor Bruch, können sie mal eben kommen?“ Doktor Bruch biegt um die Ecke und assistiert. Ich grinse übers ganze Gesicht. Der Chef- und der Oberarzt persönlich wechseln dem kleinen Bruchpiloten den Verband. „So Fynn, das war´s. Morgen kommst du dann noch mal wieder, ja? Tschüss!“ Fynn sieht mich erleichtert an. „Mama, das hat überhaupt nicht wehgetan.“ „Das ist schön, mein Schatz.“
Auf dem Rückweg statten wir Michaela und Niko einen Besuch ab. Jetzt habe ich einen Geistesblitz. „Sag mal, sollen wir Niko in mein Bett verfrachten? Dann können die beiden Jungs bei uns auf dem Zimmer fernsehen, und wir können in der Elternküche in Ruhe einen Kaffee trinken.“ Gesagt – getan. Die Jungs chillen, und Michaela und ich quatschen in der Elternküche, was das Zeug hält. Es tut gut, sich mal alles von der Seele zu reden. Wir stellen fest, dass wir uns durch das Trösten, Kümmern, Liebhaben und Sorgen um unsere Kinder fühlen, wie ein ausgesaugter Schwamm. Man stellt einfach alle Bedürfnisse zurück und funktioniert so gut man kann. Diese seelische Anstrengung schlaucht mehr, als jede körperliche Belastung. Jetzt bauen wir uns bei einer Tasse Kaffee erstmal gegenseitig auf und erzählen uns, was für tolle Mütter wir sind J
Unsere Auszeit nimmt ein jähes Ende, als wir wieder auf unserem Zimmer ankommen. Es steht eine Schwester in der Tür und informiert uns oberlehrerhaft darüber, dass unsere Söhne sich leider nicht gemeinsam auf einem Zimmer aufhalten dürfen, solang Fynn noch Durchfall hat. Die Ansteckungsgefahr sei einfach zu groß. Als die Schwester wieder weg ist sagt Michaela: „Nee, is klar. Als Niko aus dem OP auf sein Zimmer kam, war es nach dem Auszug seines Vorgängers noch nichtmal gereinigt. Das Badezimmer war siffig und das Krankenzimmer stand vor Dreck. Aber Hauptsache hier ist die Ansteckungsgefahr zu groß.“ Dieselbe Schwester, die unsere Söhne getrennt hat, hat dann auch ein paar Tage später Fynns nasse Gummi-Bettunterlage abgewischt, um dann anschließend mit demselben Lappen direkt über sein Essenstischchen zu wischen. Noch Fragen?
Gegen Mittag kommt mein Lieblingsjunge. Er nimmt mich in den Arm und braucht nur einen kurzen Blick: er drückt mir ein paar Geldscheine in die Hand und sagt: „Die Sonne scheint. Zieh dich an, lauf in die Stadt und gibt ein bisschen Geld aus. Ich kümmere mich so lange um Fynn.“ Ehe ich protestieren kann, schiebt er mich raus auf den Flur. Ich marschiere Richtung Ausgang und verlasse das Krankenhaus. Die Sonne strahlt, was das Zeug hält. Ich atme tief ein. SAUERSTOFF!!! Wie wundervoll!!! Jetzt weiß ich, was mir in den letzten Tagen gefehlt hat. Es ist knackig kalt, aber superschön. Ich mache mich auf den Weg in die Stadt und erreiche nach einer Viertelstunde die Thalia-Buchhandlung. Hier verbringe ich die nächste Stunde stöbernd und vergesse alles um mich rum. An der Kasse bin ich bis obenhin bepackt: ein dicker Schmöker für mich und jeweils ein Mitbringsel für Fynn, Michaela, Niko und meinen weitsichtigen Lieblingsjungen. In der Fußgängerzone komme ich an H&M vorbei. Na, da geh ich doch jetzt mal rein, bei H&M war ich ewig nicht mehr. Als ich den Laden betrete, werde ich erstmal blind. Wo bin ich denn hier gelandet? Ich komme mir vor, wie in der Karnevalsabteilung bei den zwei Brüdern von Venlo. Um mich rum stehen lauter kleine Mädchen die zu wummernden Techno-Rhythmen gackernd in den komisch aussehenden Kleiderhaufen wühlen. Nichts wie raus hier! Ich drängle mich an einem zierlichen Mädchen mit kurzem Rock, pinkfarbenem Oberteil, Lederjacke und blond gefärbten Strubbelhaaren vorbei. Jetzt dreht sie sich zu mir um. Huaaaah! Ich springe einen halben Meter zurück. Von hinten sah sie aus wie ein junges Mädchen. Von vorne ist sie Mitte 40 mit raus wachsendem Haaransatz und Sonnenbank-Lederhaut. Sieht aus wie die Witwe von Kurt Cobain. Schaudernd verlasse ich den Laden.
Gegenüber gibt´s eine Cecil-Boutique. Dort kaufe ich mir zur Beruhigung ein petrolfarbenes Oberteil und mache mich dann auf den Rückweg zum Krankenhaus. Meine Jungs sind bestens ohne mich klar gekommen. Fynn hat zweimal im Kindermonopoly verloren, und nun fliegt gerade ein roter Plüschpapagei, den mein Lieblingsjunge ihm im Krankenhauskiosk gekauft hat, knapp an meinem Ohr vorbei quer durchs Zimmer. Fynn kriegt sich nicht mehr ein vor Lachen. Für die gute Idee, mich vor die Tür zu jagen und das Aufmunterungsprogramm für Fynn bekommt mein Lieblingsjunge erstmal einen dicken Kuss. „Danke.“ „Wofür?“ „Dafür, dass es dich gibt.“
Kurze Zeit später klopft es an der Tür. Oma Geli und Onkel Casi kommen zu Besuch. Nachdem Fynn ausgiebig gedrückt und gebusselt wurde und weitere Süßigkeiten in den Kleiderschrank wandern, wird Onkel Casi zum Luftballons aufblasen verdammt. Zehn Minuten später schmückt Fynns Zimmer eine lustig-bunte Luftballonkette. Oma Geli ist und bleibt unser Dekorations-Talent. Den Rest des Nachmittags verbringen wir mit dem von Oma mitgebrachten Spiel bei einer lustigen Quizrunde. Fynn weiß, dass Mozarts Schwester Nannerl heißt und Wien die Hauptstadt von Österreich ist („das weiß ich von der Mozart-CD, die ich hab), er kann beantworten, was eine „Oase“ ist („das kenne ich von meiner ???-CD) und erklärt uns, dass ein Philatelist Briefmarken sammelt („hab ich mal irgendwo im Fernsehen gehört). Die Narkose scheint keine bleibenden Schäden hinterlassen zu haben.
Nachdem Oma Geli, Onkel Casi und mein Lieblingsjunge sich verabschiedet haben, sind Fynn und ich hundemüde. Während Fynn noch ein bisschen CD hört, schicke ich mit Michaela noch ein paar sms zwischen unseren Krankenzimmern hin und her, weil man uns ja quasi zwangsgetrennt hat. Michaela schiebt auch Frust, weil Niko nichts essen will, und sie fürchtet, dass sie deswegen am nächsten Tag nicht entlassen werden können. Ich schreibe: „Ich bin auch froh, wenn Fynn und ich wieder zu Hause sind. Krankenhaus ist echt anstrengend. Mein Akku ist langsam leer.“ Michaela antwortet: „Ok, dann wünsch ich euch mal eine gute Nacht. Hast du denn kein Ladekabel dabei?“ Ich sehe irritiert auf mein Handy-Display. Ladekabel??? Dann fällt der Groschen und ich falle vor Lachen fast aus dem Bett. Ich schreibe: „Ich meinte doch nicht meinen Handy-Akku, sondern meinen inneren. Boah, Blondinen beim smsen, ich lach mich kaputt!!!“ Als letzte Antwort für heute kommt: „Oh je, vier Tage Krankenhaus hinterlassen ihre Spuren. Ich will hier raus!!!“
Tag-2-im-Krankenhaus
„Mamaaa!“ Ich schrecke hoch und sehe auf mein Handy. Es ist halb sechs. Hab ich tatsächlich geschlafen??? „Mamaaa, ich muss ganz dringend auf die Toilette!!! Gaaanz dringend!“ Wie von der Tarantel gestochen springe ich aus meinem Luxusbett. Schlaftrunken hieve ich Fynn samt lädiertem Arm aus seinem Bett. „Auaaa, Mamaaa, das tut weeeeh!!! „ Ja sorry, Fynn, ich denke, du musst dringend!“ Ich verfrachte meinen Sohn aufs Klo und verlasse das Badezimmer. „Mamaaaa, feeertig, ich hab Durchfaaall.“ „Na super! Dann mach fertig und komm wieder raus.“ „Geeeht nicht!“ „Wiesooo nicht???“ „Kann mir nicht alleine den Po abputzen.“ SCHEISSE – im wahrsten Sinne des Wortes!!! Ich schalte wie damals zu Fynns Windelzeiten auf Mundatmung um und walte meines Amtes. Leider schaffen wir es im Laufe des Tages nicht immer rechtzeitig zur Toilette, weil wir zwischendurch auch noch den rollenden Tropf an Fynns Hand mit ins Bad ziehen müssen. Ich vertreibe mir den Tag also mit Fynns Körperpflege, dem Schrubben seiner Klamotten und der Suche nach immer neuen Stellen im Krankenzimmer, an denen ich die Sachen zum trocknen aufhängen kann.
Nach einer weiteren „Mamaaa-schneeeell-ich-musssss“-Attacke kommen Fynn und ich aus dem Bad. An seinem Bett steht Frühstück und auf dem Tisch liegen drei Essenskarten. Was soll ich denn jetzt mit diesen Karten? Nachdem ich für Fynn Brote geschmiert und ihn gefüttert habe, statte ich Michaela und Niko einen Besuch ab, um bei Michaela zu fragen, wie ich jetzt an was zu essen komme. Michaela sieht mich verwirrt an: „Die haben dir die Essenskarten hingelegt und dir nix dazu erklärt?“ Ich schüttle den Kopf. „Also du musst jetzt mit der Frühstückskarte in die Personal-Cafeteria gehen, suchst dir zwei Brötchen und das, was du drauf essen willst, aus, nimmst dir noch ´n Kaffee, gibst die Karte an der Kasse ab und bezahlst 2,50 Euro.“ Also schnappe ich mir meine Frühstückskarte und trabe zur Personalkantine, um mir mein Frühstück zu holen. Wieder auf dem Zimmer angekommen, stelle ich das Tablett erwartungsfreudig auf den Tisch, atme den Kaffeegeruch ein und lehne mich seufzend zurück. Fynn hängt nach dem Frühstück wie ein Häufchen Elend im Bett. Ihm ist schlecht, und er ist von dem Klo-Gerenne einfach nur total schlapp.
Als ich gerade genüsslich in mein Brötchen beißen will, geht die Tür auf. Es flötet laut: „Guuuuten morgeeen!!!“ Hinter mir steht eine übers ganze Gesicht strahlende Dame mit Fräulein-Rottenmeier-Brille und Mireille-Matthieu-Gedächtnis-Pagenkopf. „Naaa, wer bist duuu denn???“ säuselt die Frau Richtung Häufchen Elend. Sie guckt auf das Schild an Fynns Bett. „Bist du der Fyhyyyyynnnn?“ Mein Sohn lugt misstrauisch hinter der Bettdeckenkante hervor und fragt sich wahrscheinlich gerade, ob die komische Frau aus der geschlossenen Abteilung ausgebrochen ist. Jetzt geht die Tür wieder auf, und eine Krankenschwester steht in der Tür: „Der Fynn möchte bitte runter in die chirurgische Ambulanz zum Verbandwechsel kommen.“ „Moooment“, drängt sich nun die komische Frau wieder in den Mittelpunkt, „jetzt will ICH erstmal was sagen!“ Dass sie nicht noch mit dem Fuß aufstampft, ist echt alles. „Aalsoooo, ich leite hier die Bastel- und Spielabteilung, wir machen vormittags immer viiiiele tolle Sachen, und ich freue mich über jedes neue Gesicht.“ Nee, is klar, das war jetzt natürlich auch wichtiger als der anstehende Termin beim Chefarzt. Fynn straft Frau-von-und-zu-ADHS mit Nichtachtung. Doch die lässt sich nicht so einfach abschütteln. „Wie alt bist du denn, Fyhyyyyn?“ „Mamasagduu“ murmelt es unter der Decke hervor. „Also saaag maaal, bist du denn noch ein Baby, dass du mir nicht sagen kannst, wie alt du bist?“ Jetzt werde ich langsam sauer. „Fynn wurde gestern am rechten Arm operiert. Ihm geht´s heute nicht so gut. Und auf einarmiges Basteln steht er auch nicht wirklich.“ Die komische Frau zieht eine beleidigte Schüppe. „Er muss ja nichts basteln, er kann doch auch was spiiiielen.“ Ja, vielen Dank für das Gespräch. Don´t call us, we call you!
„Fynn, wir müssen jetzt runter in die chirurgische Ambulanz.“ Als ich Fynn aus dem Bett gehievt, ihm Trainingshose und Socken angezogen und ihn einarmig in eine warme Jacke gepackt habe, beginnt der kleine Mann zu taumeln. „Mamaaa, ich bin so schlapp.“ Kurzentschlossen organisiere ich einen kleinen Rollstuhl und schiebe Fynn bis in die Unfallambulanz. Dort werden wir von Doktor Hinsenkamp und Schwester Bettina erwartet. Schwester Bettina wickelt Fynn den Verband vom Arm, zieht ihm den Frotteeüberzug über den Arm, nimmt die Schiene ab und beginnt, das erste der drei Pflaster an den Nahtstellen abzureißen. Fynn fängt an weinen. „Jaja, ich weiß.“ sagt Schwester Bettina zu Fynn. Als ich gerade den Mund öffnen und Schwester Bettina fragen will, ob sich wirklich weiß, wie sich ein siebenjähriger Junge fühlt, der sich so fies den Arm gebrochen hat, zum ersten mal in seinem Leben operiert wurde und nun einfach Angst vor erneuten Schmerzen hat, weil er an den frisch genähten Stellen gerade lieblos die Pflaster abgerissen bekommt, ruft mich Doktor Hinsenkamp ins Nebenzimmer. „Hallo Frau Wentz, wollen se mal die Röntgenbilder gucken?“ Doktor Hinsenkamp wirkt, wie frisch aus einer Arztserie entsprungen: attraktiv, selbstbewusst und absolut obercool. Er zeigt mir die Röntgenaufnahmen von vor und nach der OP. Während er mir erklärt, dass Fynn einmal von der Seite des Ellenbogens und von der Seite des Handgelenks jeweils einen ca. 20 Zentimeter langen Titannagel in den Knochen reingedreht bekommen hat, schwankt sein Blick immer wieder zwischen meinem Gesicht und meinem Dekolleté hin und her. Hoffentlich war er bei Fynns Operation konzentrierter. Er erklärt mir, dass die Nägel nun drei bis sechs Monate im Arm bleiben müssten, um dann in einer erneuten OP wieder heraus genommen zu werden. Na herzlichen Glückwunsch. Auf meine Frage, ob wir denn mit Fynns Metallarm bedenkenlos über Weihnachten in den Schnee fahren könnten, antwortet der Doc grinsend: „Das Titan hält bombenfest. Wenn er sich jetzt noch was bricht, dann definitiv nicht den rechten Arm.“ Ich überlege einen kurzen Moment, Doktor Hinsenkamp zu fragen, ob es sehr aufwändig wäre, Fynns komplett Knochen mit diesem Titan zu füllen, als mir einfällt, dass Fynn ja immer noch alleine mit der herzlosen Schwester Bettina in einem Raum ist. Fynn ist mittlerweile zu Ende verarztet und sitzt mit vorwurfsvollem Blick auf der Behandlungsliege.
Ich schnappe mir den Rolli und schiebe ihn schnell aus der Unfallambulanz. Auf halbem Weg höre ich Fynn sagen „Mama, mir ist so schlecht.“ Er beugt sich vor und übergibt sich mitten auf den Krankenhausflur (Anmerkung der Autorin: ich bin echt langsam mit dem Rollstuhl gefahren!!!). Schnell sage ich an der Information Bescheid. Der Pförtner sagt, dass ich mich nicht um das Malheur kümmern müsste, er würde die Putzfrau schicken.
Auf unserem Zimmer angekommen ist mein Kaffee kalt. Ich hab auch keine Zeit zu frühstücken, Fynn muss erstmal wieder auf´s Klo…Im Laufe des Vormittags statten uns Michaela und Niko einen Besuch ab. Niko, ganz schweigsamer Cowboy, hebt cool die Hand zum Gruß. Als ich Michaela die Story von der verrückten Basteltante erzähle, kriegt sie sich nicht mehr ein vor Lachen. „Ja, mit der hab ich auch schon einiges erlebt. Gestern hat Nico eine Perlenmaus gebastelt, da hab ich ihm dann noch geholfen, das Ende zu verknoten. Da kommt die Bekloppte vorbei und sagt: „Also das Basteln ist ja eigentlich für die Kinder, und nicht für die Muttis.“ Und sie selber geht bei den Kindern immer rum, sagt: „Nein, so geht das nicht, das macht ihr falsch.“, nimmt den Kindern die Bastelsachen aus der Hand und bastelt es dann selber weiter.“ Jetzt kriege ich langsam Angst vor der Kreativ-Psychopathin und beschließe, von nun an einen großen Bogen um sie zu machen.
Als Michaela und Niko gegangen sind, kommt mein Lieblingsjunge, und bringt frische Wäsche und gute Laune mit. Doch unsere gute Laune hält nicht lange an. Die Tür öffnet sich, und die Kinderärztin steht in der Tür. „Der Fynn muss einmal mit in den Behandlungsraum kommen.“ Fynn hat nichtmal mehr Kraft zu protestieren und lässt sich einfach mitschleppen. Im Behandlungsraum angekommen, wird Fynn auf die Liege verfrachtet. Da Fynn der Zugang für den Tropf mittlerweile zum zweiten mal verrutscht war und von einer Schwester rausgezogen wurde, informiert uns die Kinderärztin darüber, dass sie Fynn doch noch einen neuen stechen müsste, weil er das Antibiotikum noch nicht als Saft, sondern weiterhin intravenös bekommen müsse. Als Fynn das Wort „stechen“ hört, füllen sich seine Augen erneut mit Tränen. „Nein, nicht noch mal stechen.“ Ich setze mich neben ihn und mobilisiere erneut ausreichend Kraft, um Fynn zu beruhigen und sein klägliches Schreien aushalten zu können. Mein Sohn gibt alles. „Soo, das erste wäre schon mal geschafft.“ Fynn und ich sehen die Kinderärztin fassungslos an. „Fynns Tetanus-Impfung muss eben noch aufgefrischt werden. Das ist jetzt nur ein kleiner Pieks in den Arm.“ Ein kleiner Pieks für die Kinderärztin – ein großer Pieks für Fynn. Während die Kinderärztin die Impfung vorbereitet, kommt der Stationsarzt herein und sagt laut: „Am besten nimmst du dafür die 19er Spritze. Die kannst du dann schön bist zum Anschlag reinhauen.“ Ich würde dem Herrn Doktor jetzt am liebsten auch gerne eine bis zum Anschlag reinhauen, aber ich muss wieder beruhigend auf Fynn einreden, weil die Ärztin jetzt mit der Spritze naht. Nachdem sie mit der Impfung fertig ist, hat Fynn keine Stimme mehr und ich einen Tinnitus. Auf unserem Zimmer (das ein ganzes Stück entfernt vom Behandlungsraum liegt) sitzt mein Lieblingsjunge mit besorgtem Gesicht. „Mein Gott, was haben die mit Fynn gemacht? Ich hab den bis hier hin gehört. Wo ist die Ärztin, ich hau der eine rein!“ Fynn fällt erschöpft in sein Bett, und will jetzt nichts mehr hören und sehen. „Fynn, wir gehen mal eben kurz in der Elternküche einen Kaffee trinken.“ „Hmmm.“ Der arme Kerl ist froh, dass er seine Ruhe hat.
Auf dem Weg zur Elternküche kommen wir am Bastelraum vorbei, den man durch eine Glasscheibe einsehen kann. Michaela und Niko sitzen zusammen mit der Psychopathin an einem Tisch und basteln. Ich sehe, dass Michaela gerade ein Perlenarmband in der Hand hält, das Niko gebastelt hat. Ich öffne die Tür und sage grinsend mit säuselnder Stimme: „Michaela, du weißt aber, dass das Basteln für die Kinder und nicht für die Muttis gedacht ist?“ Michaela grinst mich mit zusammen gebissenen Zähnen an und sagt liebenswürdig: „Miiiriam, der Fynn möchte doch bestimmt auch gerne etwas basteln, oder?“ „Neee, Michaela, dem Fynn geht´s gerade ganz schlecht, der kann jetzt nicht basteln. Sonst natürlich liiiiebend gerne.“ Mit einem schmierigen Grinsen schließe ich die Tür und überlasse Michaela ihrem Schicksal.
Der gemeinsame Kaffee mit meinem Lieblingsjungen tut gut. Trotzdem bin ich völlig erschöpft. Mein Lieblingsjunge verordnet mir eine Runde Mittagschlaf und verabschiedet sich für den heutigen Tag. Viel Ruhe ist Fynn und mir nicht vergönnt. Es klopft an der Tür, Besuch ist da: Oma Moni und Opa Jürgen wollen nach ihrem Enkel sehen und bringen jede Menge Süßigkeiten mit, die einmal kurz vor Fynns Nase vorbei fliegen und anschließend im Schrank verschwinden. Schließlich hat er Durchfall und bekommt zurzeit nur Schonkost. Die heutigen Ereignisse haben Fynn komplett die Sprache verschlagen. Er hängt in seinem Bett wie ein Schluck Wasser in der Kurve, während ich Oma und Opa über die neusten Ereignisse auf dem Laufenden halte. Auch Monika und Jürgen kennen Fynn nur als absolute Quasselstrippe und sind total fassungslos, ihn so passiv und schweigsam zu sehen. Nach einer Stunde machen sie sich betreten auf den Heimweg.
„Mamaaa, mein Arm tut so weh, und mir ist so schlecht, und ich muss mal.“ Es geht munter weiter. Als Fynn sein Abendessen bekommt und ein Schonkost-Marmeladen-Weißbrot mit Todesverachtung gegessen hat, mache ich mich mit meiner Abend-Essenskarte auf den Weg zur Kantine. Innendrin ist es dunkel, und die Türen sind verschlossen. Verwirrt gehe ich zurück zur Station und klopfe bei Michaela an. „Du, wann macht denn die Kantine für´s Abendessen auf?“ Michaela sieht mich verwirrt an. „Häh? Hast du nicht heute Morgen in der Kantine alle drei Essenskarten abgeben und die Mahlzeiten im Voraus bezahlen müssen? Das Mittag- und Abendessen wird dann auf die Station geliefert.“ „Nee, musste ich nicht. In der Kantine hat mir keiner was gesagt.“ Also hab ich für den Abend kein Essen bestellt und jetzt nix zu futtern. Ich trabe zum Schwesternzimmer und erkläre die Lage. „Ja, das hätten wir ihnen eigentlich erklären müssen, das konnten sie nicht wissen.“ Stellt die Schwester fest. „Ich gebe ihnen jetzt einfach was von unserem Essen.“ Sie legt mir zwei armselige Scheiben Weißbrot, etwas Butter und einen Hauch von Schnittkäse auf den Teller.
Während ich im Zimmer vor dem opulenten Mahl sitze, höre ich ein Schnüfen unter Fynns Bettdecke. „Was ist los, Süßer? Tut dir was weh?“ „Mamaaa, mein Popo brennt so doll.“ Na kein Wunder. Bei den zahlreichen Klobesuchen, die mittlerweile im zweistelligen Bereich liegen, war ein wunder Hintern nur eine Frage der Zeit. Ich lasse mein Essen Essen sein und trabe mit knurrendem Magen zum Schwesternzimmer, um Salbe zu holen. Wieder auf dem Zimmer angekommen, verarzte ich mein jammerndes Kind fachmännisch. Plötzlich schreit Fynn auf. „Mamaa, das brennt ganz doll. Das tut weeeeh!!!“ Fassungslos stehe ich vor ihm. „Aber das ist doch extra eine Heilsalbe, das kann doch jetzt gar nicht wehtun.“ „Doch, doch, das tut so weeeeh.“ Er heult, was das Zeug hält. „Ja Fynn, was soll ich denn jetzt machen?“ „Weiß ich nicht, das tut so weeeeh!“ Ich bin einfach nur müde, hilflos, ratlos, genervt und merke, wie langsam die Wut in mir hochsteigt. Nein, ich werde jetzt nicht meckern, er kann nichts dafür. Ich atme dreimal tief durch und sage: „Pass auf, ich tupf das jetzt ganz vorsichtig wieder ab, ok?“ Als ich fertig bin, seufzt Fynn noch einmal tief und fällt in einen ohnmachtsähnlichen Schlaf. Ich setze mich auf die Bettkante meiner Krankenhauspritsche und lege den Kopf in meine Arme. Mein Rücken tut weh, meine Hände sind vom vielen waschen und desinfizieren ganz rau und rissig, mein Kopf dröhnt, ich hab Hunger und bin hundemüde. Ich will auf den Arm und einfach ´n Ströfchen heulen.
Ich öffne den Kleiderschrank, um meine Schlafsachen rauszuholen und entdecke die ReWe-Tüte, die mein Lieblingsjunge vorhin vom Einkaufen mitgebracht hat. Ich werfe einen Blick in die Tüte: Butterkekse, Tucs und zuckerfreie Bonbons für den kleinen Scheißer uuuuund (meine Augen bekommen einen seligen Glanz) ein riesiges Marzipanbrot für mich!!! Ich danke meinem aufmerksamen Lieblingsjungen im Stillen und verziehe mich samt Brot ins Bett. Nachdem ich das halbe Brot vernichtet und somit genug Glückshormone aufgetankt habe, falle ich in einen tiefen und traumlosen Schlaf.